Die verunglückte Buchlesung

Hochverehrtes, gebildetes Publikum,

Ihr mäht heute Abend eueren Rasen, geht zum Fußball, sitzt beim Bier im Garten oder redet über die Gesundheitsreform und ich armer Tropf stehe vor leeren Stühlen in einem leeren Saal.
Nicht dass mich das besonders stört. Nein, ich unterhalte mich auch gern mal mit Stühlen. Die Stühle haben viel zu erzählen. Vor allem sind sie geduldige Zuhörer. Sie rascheln nicht mit der Bonbontüte, sie scharren nicht mit den Füßen, husten und niesen nicht in unpassenden Augenblicken. Auch gähnen sie nicht vor Langweile, schlafen nicht ein oder schnarchen. Die Stühle erzählen von unruhigem Hin- und Herrutschen, von vergessenen Taschentüchern und von unter die Stuhlkante geklebten Kaugummis oder Popel. Das finden die betroffenen Stühle besonderes eklig. Sie ärgern sich über ausgeschüttetes Parfüm und über Bier oder Colaflecke. Das versaut das Polster und den Charakter.
Am schlimmsten finden normale Stühle die unanständigen, leise herausgequetschten Gerüche. Der Geruch bleibt in den Polstern hängen und lüftet nicht so schnell aus. Die betroffenen Stühle sind dann so schrecklich festgefahren und stinken vor sich hin. Manche Stühle sind schon so in das Alter gekommen, dass sie ganz wacklig auf ihren vier Beinen stehen. Ganz alte Stühle haben oft viele Stiche, Wurmstiche. Die Behandlung der Wurmstiche ist zu teuer. Sie werden nicht mehr repariert und landen auf dem Sperrmüll. Schließlich müssen ja Reformen sein.

Natürlich gibt es auch besondere Stühle. Die stehen in der ersten Reihe. Diese Stühle werden besonders geputzt und aufmerksam behandelt. Schließlich sind sie ja etwas besonderes. Das war schon immer so. Das hat sich nicht geändert und die Stühle der ersten Reihe wissen das ganz genau und zu schätzen.
Die Stühle der ersten Reihe regen sich furchtbar darüber auf, wenn einer von ihnen beschmutzt wird. Vor kurzem hat sich doch tatsächlich der schönste Stuhl einen Popel eingefangen. Eine Ungeheuerlichkeit! Stellen sie sich vor: "Einen Popel!" Was hat ein Popel in der ersten Reihe zu suchen? Am liebsten sind die Stühle der ersten Reihe für sich allein, aber leider werden für Vorstellungen jeder Art alle Stühle gebraucht.

Hochverehrtes, nicht anwesendes Publikum, ich möchte damit meine Lesung beenden und wünsche Ihnen einen guten Stuhl, auf dem Sie sitzen.