Der Furz in der Flasche

Der alte, dunkle Eichenschrank stand dicht an der Kellerwand. Das kleine vergitterte Fenster ließ nur wenig Tageslicht hinein. Dicker Staub lag überall und selbst die Spinnen in ihren Spinnweben fristeten ein graues Dasein in den Ecken. Clara bewahrte ihre Konserven und alten Wein in dem Schrank auf, der mich jetzt magisch anzog. Seit dem Morgen hatte ich nichts mehr getrunken und ich suchte krampfhaft nach einem guten Schluck, um meine erdrückenden Sorgen in den nächsten Stunden zu vergessen. Heute war mir alles egal, völlig egal!
Mein Vermieter hatte mir meine Wohnung wegen ausstehender Mietzahlung gekündigt. Vergangenen Mittwoch verließ mich meine Frau. Mein Chef gab mir vor zwei Stunden den blauen Brief. Ich war fertig mit der Welt...

Vorsichtig öffnete ich die Schranktür und ein lautes Knarren ließ mich innehalten. Alles blieb ruhig in dem Haus. Niemand hatte etwas gehört. Vorsichtig hielt ich die Luft an und öffnete die Tür ganz langsam weiter und weiter. Endlich sah ich im mittleren Schrankfach einige verstaubte Flaschen alten Weines stehen, auf die ich es abgesehen hatte. Ganz hinten versteckte sich eine blaue, unscheinbare Flasche. Ich hielt Inne.
Es fällt bestimmt nicht auf, wenn sie weg ist, überlegte ich. Gesagt, getan. Hastig zog ich den Korken aus der Flasche und ohne zu überlegen, trank ich gierig den ersten Schluck. Das dachte ich jedenfalls.
Etwas rauchiges, kaltes glitt meine Kehle hinunter. Ich war entsetzt!
Wein war es jedenfalls nicht. Ein Würgeanfall erfasste mich. Nachdem sich meine Nerven und mein Magen wieder beruhigt hatte, kam ich zu mir. Angewidert stellte ich die Flasche in den Schrank zurück. So musste der Tag ja enden. Auch das noch!
Mir wurde schlecht und ich wollte nur noch raus aus dem muffigen Keller. Auf der Kellertreppe stolperte ich und fing mich mit meinen Händen ab.

"Pass doch auf, du tust mir weh!" Ich blieb stehen. Niemand war zu sehen.
Vorsichtig fragte ich: "Wer spricht da mit mir?"
"Ich!"
"Wer ist ich?", fragte ich verwirrt.
"Na, ich, der Furz aus der Flasche!"

Heiß überfiel mich die Angst. "Jetzt ist es soweit, ich habe Delirium Tremens!", dachte ich. Darüber hatte ich schon viele Geschichten gehört. Weiße Katzen mit violetten Augen, blaue Mäuse mit grünen Ohren und Flugenten mit Tigergebiss geisterten sofort durch meine überreizte Fantasie. Es sind alles nur Hirngespinste, beruhigte ich mich.
Endlich stand ich auf der Strasse. Luft, ich holte tief Luft und versuchte das Erlebte zu verdrängen.

"Willst du mich nicht endlich herauslassen?"
Mich durchzuckte es von meinem Haarwurzeln bis zu meinem kleinen Zeh. Niemand war in der Nähe, der mit mir sprach. Ich selbst hatte den Mund zu und war es auch nicht.

Unsicher fragte ich: "Wen soll ich herauslassen?"
"Na, mich, den Furz aus der Flasche!"
"Brrr...es gibt doch nur Flaschengeister, sagte ich unbestimmt!"
"Nein, ich bin ein eingesperrter Furz!"
"Wie das, fragte ich neugierig?"

"Clara s` Mann ärgerte sich ständig darüber, das ihm überall und zu jeder Gelegenheit
Furze quälten. Eines Tages trank er wie immer sein Glas Rotwein und ich plagte ihn ganz schrecklich. Franz war in Gesellschaft von Damen und musste wegen mir vor die Tür gehen. Als ich aus ihm herausfuhr, verfluchte er mich, ich sollte als Furz für immer in einer
Weinflasche bleiben. Daraufhin fuhr ich in die nächst beste, leere Weinflasche. Just in diesem Moment stöpselte eine Dame der lustigen Gesellschaft die leere Weinflasche zu und sprach lachend zu den anderen, diese leere Flasche bewahren wir als Andenken an diesen Abend auf.
Ich war gefangen. So blieb ich als Furz in der Flasche.
Du kannst mich von dem Fluch befreien!"

Oh Gott, dachte ich, ausgerechnet mir muss so ein Mist passieren. Mich stecken sie doch in die Klapse, wenn ich jemanden davon erzähle."Was mache ich nun?", überlegte ich.

Ich ging den Gehsteig entlang, blieb stehen, und fragte: "Bist Du noch da?"
"Bööps!, klar doch!" kam sofort die Antwort.
"Wie kann ich mich von dir befreien?", fragte ich verzweifelt!
Ein Passant ging vorüber und schaute mich merkwürdig an.
Er sprach mich an und fragte; "Geht es Ihnen nicht gut, mein Herr?"
Ich wurde rot im Gesicht und meine Wangen brannten wie Feuer.
Den Kopf gesenkt murmelte ich: "Es ist nichts, gar nichts, es geht mir gut!"
Hm, das war gerade noch mal gutgegangen.
Aus meinem Bauch kam die verspätete Antwort: "Du musst mich am morgigen Tag in der Gegenwart von Frauen total verkneifen! Das ist die Bedingung!"
Erleichtert entfuhr es mir: "Das ist doch leicht!"
"Stell dir das nicht so einfach vor!", blubberte es beleidigt in meinem Bauch.
Gelingt es dir nicht, bleibe ich für immer bei dir!"
Mir wurde schlecht und ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus.
Gut sagte ich: "Abgemacht, ich will dich ja wieder loswerden!"

Der nächste Morgen kam und ich musste einzukaufen. Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg in das Kaufland. An die Abmachung mit dem Furz dachte ich nicht mehr.
In meinem Bauch war alles ruhig und nur noch eine schwache Erinnerung an den gestrigen Tag beunruhigte mich etwas.

"Na, gut geschlafen?", Bööps, nur der Kaffe war zu heiß!"
Ich blieb stehen. Nein, nicht schon wieder! Also gut, dachte ich, es war kein Traum. "Ruhe da unten!", rief ich laut!

Eine Frau drehte sich erschrocken nach mir um. Nur nicht furzen, dachte ich verzweifelt und schon drückten mich die Winde. Verdammter Furz! Rasch bog ich um die Ecke und stieß mit einer alten Frau zusammen, die ihre Einkaufstüte trug. Ein Brötchen fiel auf den Gehsteig. Ich bückte mich und wollte es aufheben, aber da rumorte es teuflisch in meinem Bauch."Tut mir leid!", sagte ich und verschwand durch die nächste Tür.
Kalte Schweißtropfen traten mir auf die Stirn und ich blieb einen Moment stehen.

"He, du da unten, wie lange soll das so weitergehen?"
Eisige Stille in meinem Bauch und es dauerte lange bis die Antwort kam.
"Bööps, meine Forderung kennst du!"

Das kann ja heiter werden, dachte ich, nur schnell den Einkauf erledigt und nach Hause! Die Frau am Fleischstand schaute mich ganz merkwürdig an, als ich dreihundert Gramm Gehacktes verlangte und mir der Schweiß von der Nase tropfte. Ich trat von einem Bein auf das andere und verkniff ihn mir. Er grollte! Nein, nicht! Jetzt nicht! Ich bezahlte. Es war gerade noch einmal gutgegangen.
Wieder zu Hause angelangt, stellte ich erleichtert meine Einkaufstüte auf den Küchentisch.
Was sollte jetzt noch passieren! Schrill drang das Geräusch der Klingel in mein Bewusstsein. Was war das? Wer wollte jetzt zu mir? Daumenkuppengroße Schweißperlen sammelten sich ruckartig auf meiner Stirn. Ich wollte doch nicht ein Leben lang mit diesem unheimlichen Furz in meinem Bauch zubringen!
Vorsichtig öffnete ich die Tür. Die Postbotin stand ungeduldig im Treppenhaus.
"Ich habe ein Einschreiben für Sie! Hier bitte unterschreiben!"
Da wäre es beinah passiert. In meinem Bauch rumpelte es so heftig, dass ich nur mit Mühe und zitternden Händen meine Unterschrift hinkriegte.
"Sie sehen ja heute so blass aus? Geht es ihnen nicht gut?", fragte sie mich beim weggehen. Schnell die Tür zu. Gerettet!

Da klingelte mein Telefon. Ich nahm ab und meine Frau wollte mich besuchen kommen.
Sie wollte noch einige Sachen abholen.
"Nein, heute geht es nicht, absolut nicht!" , Nein!!!
Ich merkte an ihrer Stimmlage, dass sie restlos sauer auf mich war. Der Abend kam und mit ihm die Nacht. Ich war total geschafft und hatte Wut im Bauch. Endlich schlug die Stubenuhr Mitternacht.
Ich zählte mit: "Eins, zwei, drei...... zehn, elf, zwölf!"

Mit dem letzten Gong entfuhr mir mit einem lauten Knall ein heftiger Furz.
Eine kleine, bläulich schimmernde Wolke zog aus dem geöffneten Fenster hinaus.
Unheimlich war noch ein leises Echo zu hören: "Ich bin frei! Frei, Frei, Frei!"