Die Klingel

Unerwartet laut rasselte die Klingel im Treppenhaus und er erhob sich mühsam von der Couch, ging in die Küche und holte den Haustürschlüssel. Vielleicht kommt noch meine Schwiegertochter, vermutete er. Die Tür verschloss er tagsüber, um sich vor ungebetenen Gästen zu schützen. Er mochte sich selbst nicht, auch keinen Besuch oder irgendwelche fremden Leute. Ein Tag verging nach dem anderen und er hatte sein Leben gelebt und wollte nicht mehr.
Seit langem ging er den Menschen aus dem Weg und wollte sich mit keinem mehr einlassen. Das Leben mit seiner Frau verlief bis auf einige Ausnahmen ziemlich eintönig und langweilig. In den vergangenen vierzig Jahren war er nicht mehr aus seinem Dorf herausgekommen, er hasste die Unbequemlichkeit und die Unsicherheit einer Reise, obwohl er es manchmal gewollt hätte. Mit diesen Überlegungen beschäftigt, ging er langsam die Treppe herunter und schloss auf. Es stand niemand vor der Tür. Wütend, das er in seiner Ruhe gestört worden war, schloss er wieder ab und ging langsam und vom Alter gebeugt nach oben. Ich hatte mich doch nicht getäuscht, dachte er, es klingelte vorhin. Vielleicht war es der stumpfsinnige, gemeine junge Bauer, mit dem er seit Wochen im Streit lag, vermutete er und ein glühender Hass, das einzige starke Gefühl, das er je kennen gelernt hatte, durchflutete ihn, bis in die letzte Faser seines Körpers. Als er wieder vor dem Fernseher saß und sich seine Musiksendung anschaute, hörte er plötzlich schlurfende Schritte im Treppenhaus. Es wurde ihm unheimlich zumute, denn vor vier Wochen hatte er gerade seinen jüngsten Sohn beerdigt. Er traute sich nicht aus der Stube heraus um nachzuschauen, was da vor sich ging. Nachdem einige Minuten vergangen waren, rief er laut " Ist da jemand?" Im Treppenhaus war Stille, niemand antwortete ihm.

Es war fast Mitternacht und seine Frau schlief bereits nebenan, was durch ein leises schnarchen zu hören war. Er wollte sie nicht wecken, denn er war so intelligent und von sich überzeugt, dass er nicht an übersinnliche Erscheinungen glaubte. Da, jetzt quietschte die Bodentür und jede der alten Holzstufen gab ein ächzendes und knarrendes Geräusch von sich, so als wenn jemand langsam mit einer schweren Last nach oben ging. Er stand auf und seine Augen sprangen ihm förmlich aus den Höhlen, als er vorsichtig nachschaute, was da auf der Bodentreppe vor sich ging. Nichts war zu sehen und alles war wie immer. Beruhigt ging er wieder in die Stube und trotzdem waren all seine Sinne bis zum zerreißen gespannt. Er beschäftigte sich mit seiner Fernsehzeitung, blätterte Seite für Seite um, aber er las nichts, gar nichts. Seine Gedanken drehten sich immer wieder um das Geräusch auf der Treppe und fast konnte man meinen, er wartete regelrecht darauf, dass es wieder zu hören war. Jetzt hörte er die schlurfenden, tappenden Schritte genau über sich. Fast erleichtert, weil die Anspannung weg war, unter der er stand, dachte er bei sich, "Es ist doch jemand auf dem Boden!" Er nahm all seinen Mut zusammen, denn er war von Kind an ein ausgesprochener Feigling, nahm seinen Stock in die Hand und stieg langsam die Bodentreppe hinauf. Hinter dem mit weißem Kalk gestrichenen Schornstein sah er undeutlich einen Schatten stehen. Seine Beine knickten ihm fast weg und er war vor Angst wie gelähmt. " Wer sind Sie!" rief er laut, das dachte er jedenfalls, es war aber nur ein leises und heißeres Krächzen seiner Stimme zu hören. Der Schatten gab ihm keine Antwort. Da sah er im kalten Licht des Mondes das Wort "Liebe" in dunkelroten Buchstaben, die wie Blut aussahen, an dem weißen Schornstein stehen. Voller Entsetzen rannte er die Treppe herunter, stolperte, fiel auf sein linkes, krankes Knie und schlug mit letzter Kraft die Bodentür hinter sich zu. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und vor lauter Aufregung und Angst wurde ihm schwindlig und schlecht. Er wusste ganz genau, dass er das Gefühl der Liebe niemals in seinem Leben, weder von seiner Mutter, noch von seinem Vater erfahren oder kennen gelernt hatte. Seine Augen waren auf einmal voller Tränen und das ganze angestaute Elend überwältigte ihn in einem einzigen Augenblick.