Die letzte Fahrt

Er stand vor dem Friedhofstor und sah viele ihm bekannte Menschen, Freunde und auch einige Leute aus seiner Verwandtschaft hineingehen. Selbst seine Frau und seine beiden Kinder waren hier. Dann kamen seine Brüder, die er lange nicht mehr gesehen hatte. Beide hatten sich nicht verändert. Der Älteste war immer noch sehr unpersönlich und ganz Geschäftsmann geworden. Der Mittlere sah in seinem schwarzen Jackett verwegen aus, er hatte seinen Lederhut mit der Emufeder auf dem Kopf. Alle waren sie ziemlich den Tränen nahe, was er gar nicht begriff.
Was war passiert und was war los mit ihm! Weshalb war er hier?
Er dachte spontan an die "Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens, aber Weihnachten war doch schon lange vorbei? Er überlegte nicht lange und neugierig wie er war, wollte er wissen, wer heute Nachmittag hier beerdigt wurde.

Das Tor stand halb offen und es war schneidend kalt. Er ging hinein und stapfte durch den Schnee zur Halle. Einige Musiker mit ihren Instrumenten standen vor der Tür und er wartete, bis wieder jemand hineinging. Es war, als ob die Leute durch ihn hindurchschauten, so, als wäre er aus Glas. Seltsam. Er ging hinein. In der Halle war jeder Stuhl besetzt und an der Seite standen seine Freunde. Noch immer sah er nicht, wer heute hier beerdigt wurde. Es musste etwas ganz Schlimmes passiert sein, dachte er, wenn selbst sein Vater wie erstarrt in der ersten Reihe neben seiner Mutter saß. Mit ernsten Gesichtern schauten seine Schwiegereltern nach vorn auf die vielen Blumen und letzten Grüße. Kerstin, seine Frau, war ganz in Tränen aufgelöst und beide Kinder saßen neben ihr. Er sah ihren Augen an, dass sie geweint hatten. Selbst seine Freundin war hier und sah sehr traurig aus. Will mir vielleicht mal jemand sagen, was hier los ist?" Keiner sprach ihn an oder nahm von ihm Notiz. Es wurde ihm langsam unheimlich.
Das Letzte an das er sich erinnerte war, dass er in einem Krankenhausbett lag.
Eine Schwester kam herein und sagte ihm, dass er etwas schlafen sollte, um wieder zu Kräften zu kommen und dass es ihm am nächsten Morgen bestimmt wieder besser gehen würde.

"Mensch, Du altes Säckel", sprach er seinen Bruder an, selbst Du bist hier! Wieder bekam er keine Antwort! Vielleicht träume ich nur oder meine Sippe will mich wirklich nicht dabei haben, dachte er.
Na dann gehe ich eben!
Er drehte sich um und ging aus der Halle. Es war noch kälter geworden und schneite leicht. Langsam ging er den Hauptweg entlang, aus dem Tor hinaus und stand ratlos auf der Straße. Wie komme ich denn nun nach Hause, fragte er sich. Heute war Freitag und er war zu Fuß. Vielleicht fährt ein Bus. Schau´ n wir mal. Er ging zur Haltestelle und tatsächlich, nach einiger Zeit kam ein Bus angefahren. Die Türen sprangen zischend auf, als er anhielt. "Bis zum Oberdorf", sagte er zu dem Busfahrer. Der gab ihm einen Fahrschein und durch eine Handbewegung zu verstehen, dass er nach hinten gehen sollte. Er setzte sich hin und die Türen gingen zu.
Der Bus fuhr an und das Dorf zog an ihm vorüber. Es waren keine Autos auf der Straße und das am Freitagnachmittag, wunderte er sich. Ein sonderbarer Tag war heute, stellte er fest. Jetzt drückte er auf den Klingelknopf, er war da und wollte aussteigen.
Ja, was war das?
Der Busfahrer fuhr unbeeindruckt von seinem Klingeln die Fernverkehrsstraße weiter entlang und hielt nicht an. Gleich hinter dem Fahrer saß ein altes Mütterchen, das krampfhaft ihre Tasche festhielt. Er ging zu ihr hin."Wann kommt die nächste Haltestelle?", fragte er sie. Sie sah ihn mit verwunderten, traurigen Augen an und schüttelte nur ihren Kopf. Keiner redet heute mit mir, dachte er verzweifelt. Er setzte sich wieder hin und sah durch die Scheibe, wie die Häuser vorüberzogen und plötzlich vergaß er, weswegen er in dem Bus saß.
Irgendetwas war doch?
Ich wollte doch irgendwohin?
Was war denn?
Das gleichmäßige brummen des Motors machte ihn schläfrig und zog ihm die Augen zu. Er wurde entsetzlich müde und wollte nur noch schlafen.

Das Letzte, was er wahrnahm, war ein sehr helles Licht und er ging auf einer Frühlingswiese voller Leichtigkeit und ohne Sorgen spazieren.