Louisa

Ein Sonnenstrahl schien durch eine Lücke im Fensterladen und wanderte ganz langsam auf der Bettdecke entlang, bis er Louisas´ Nase erreichte. Sie musste niesen und wurde langsam wach. Heute war Sonntag und Louisa wollte noch nicht aufstehen. Dann endlich, als das Vogelgezwitscher vor ihrem kleinen Haus so laut wurde, dass sie es nicht mehr länger in ihrem Bett aushielt, stand sie auf. Sie ging in ihr Badezimmer, dass Luici vergangenes Jahr für sie vollkommen neu renovierte und wusch sich. Luici war der einzige Mensch, dem sie vertraute, denn er behandelte sie wie eine ganz normale Frau. Louisa hatte lange schwarze Haare, eine zierliche Figur und ein freundliches Wesen, aber es lag immer eine leichte Traurigkeit in ihren Augen. Schade, dass Luici über siebzig ahre alt war, denn das Gefühl, was sie empfand, wenn er sie besuchte, war Balsam auf ihre seelischen
Wunden. Als sie in den Spiegel schaute, sah sie in ihr Gesicht das von Pockennarben überzogen war. In ihrer Jugend bekam sie diese Krankheit. Die Pusteln heilten aus, aber die Narben blieben. Hinzu kamen im Laufe der Jahre die Narben auf ihrer Seele, weil ihr durch die Entstellung in ihrem Gesicht die Menschen aus dem Weg gingen. Sie kam immer in das Abseits, egal, wie sehr sie sich auch anstrengte. Seit ihrer Kindheit litt sie unter den Narben und sie weinte oft bittere Tränen darüber. Selbst wenn sie ihre Lebensmittel in dem kleinen Laden am Rande unterhalb des kleinen Dorfes einkaufte, passierte es hin und wieder, dass ein Kind laut rief:" Mama, schau mal, was hat die Signora im Gesicht!" Es war für alle dann immer eine peinliche Situation und Louisa beeilte sich, den Laden so schnell wie möglich zu verlassen.

Sie lebte allein und zurückgezogen in ihrem kleinen Haus. Das Häuschen hatten ihre Eltern ihr hinterlassen und es war aus unregelmäßigen Feldsteinen
gebaut, hatte ein solides Dach und einen gelben Anstrich. Ein alter Efeu wucherte an der Hausmauer entlang. Die Pinien, die um das Haus standen, verströmten einen wunderbaren würzigen Duft. Es war ihre einzige Freude im Leben, wenn sie abends auf der Terrasse saß und den Sonnenuntergang über dem Lago di Garda bewunderte.
Louisa war sehr einsam. Ihre Eltern starben vor Jahren bei einem Autounfall und einen Mann bekam sie aufgrund ihres Leidens nicht. Trotzdem war sie lebenshungrig und schaute ab und zu durch die Fenster des Ballsaales in Garda, wenn die Karnevalszeit in vollem Gange war. Hinein zu gehen wagte sie sich nicht und sie träumte sich
ihren Traum, in dem sie sich vorstellte, sie tanzte gerade mit einem schwarzhaarigen, gut aussehenden Mann im Saal und alle schauten ihnen zu. Es war Karnevalszeit und heute Abend wollte sie sich die ausgelassene, lachende und fröhlich tanzende Menge wieder einmal ansehen. Sie arbeitete in der Nähe auf einem Weingut und aufgrund ihres Aussehens hatte ihr der Patrone eine Arbeit im Weinkeller zugewiesen. Sie arbeitete die ganzen acht Stunden in der Dunkelheit, die nur durch den trüben Lichtschein einer Deckenlampe durchbrochen wurde. Louisa füllte guten Wein von Hand auf Flaschen ab, Stunde um Stunde und die Arbeit wurde nur durch die Pausen unterbrochen, in denen sie ohnehin allein war. Jede der Flaschen stellte sie in einen alten Handwagen und wenn keine Flasche mehr Platz darin fand, fuhr sie ihn zur Korkmaschine. Manchmal klebte sie auch Etiketten auf die zugekorkten Flaschen, die sie anschließend sorgfältig abwischte. Die Dunkelheit im Weinkeller machte Louisa zu schaffen und manchmal weinte sie, weil sie nicht wie die anderen Frauen an den Weinreben ganz normale Arbeiten machen durfte.
Aber heute war ja Sonntag und sie fragte sich, was sie mit dem Tag beginnen sollte. Sie hatte von Luici erfahren, dass in Garda ein Trödelmarkt stattfand und das war für sie eine willkommene Abwechselung. Louisa nahm am späten Nachmittag den Bus nach Garda und hatte ihr Gesicht unter einem Sonnenhut mit einem Schleier verborgen. Ihre große dunkle Sonnenbrille verbarg geschickt einen weiteren Teil ihres Gesichts. DerTrödelmarkt war wie immer. Die Händler überschrieen sich gegenseitig, um ihre Waren zu verkaufen.

Fast wollte Louisa wieder gehen, da sah sie an einer Ecke einen alten unscheinbaren Mann stehen, der noch niemals hier gewesen war. Er kam aus einer andern Gegend und seine Unbeholfenheit, mit der er seine Waren anbot, war mitleiderregend. Zwischen den Gläsern und einer alten Kaffeemühle lag eine wunderschöne alte Maske, wie sie im vorigen Jahrhundert von den vornehmen Frauen der Gesellschaft zum Karneval getragen wurde. Louisa betrachtete sich die Maske und sie wollte sie gerade wieder hinlegen, da kam ihr eine Idee. Der Gedanke überfiel sie mit solch einer Wucht, dass ihr davon schwindlig wurde. Sie feilschte scheinbar uninteressiert mit dem alten Mann über den Preis und zu ihrem Erstaunen hatte sie die Maske plötzlich für wenig Geld erstanden. Wieder zu Hause angelangt, ließ sie der Gedanke, der sie auf dem Trödelmarkt siedend heiß überfiel, nicht mehr los. In Gedanken versunken nahm sie die wunderschöne Maske in die Hand und wischte mit einem feuchten Tuch und etwas klarem Wasser die Maske sauber. Louisa machte sich für den Ball fertig. Sie nahm ein sorgfältiges Bad, rieb sich mit ihren wohlriechenden Ölen ein und zog ihr schönstes Kleid an. Dann nahm sie die Maske und machte sich auf den Weg zum Karneval in Garda. Kurz vor dem Ballsaal, setzte sie sich die Maske auf und hatte sofort das Gefühl, dass die Maske wie angegossen auf ihrem Gesicht saß. Es beunruhigte sie nicht weiter, weil sie sich richtig wohl darunter fühlte. Ihr Makel war unter der Maske verschwunden und sie wurde dadurch zu einer ganz normalen Frau. Louisa ging durch die ausgelassen tanzende Menge in den Saal hinein und nach einer Weile tanzte sie schon mit einem Mann, wie sie es sich nur in ihren kühnsten Träumen vorgestellt hatte. Sie lag glücklich in seinem Armen und dachte nicht mehr eine Sekunde an ihr entstelltes Gesicht.

Der Abend verging unter lachen, erzählen und dann musste Louisa wieder nach Hause, denn am nächsten Morgen sollte sie im Weinkeller Flaschen etikettieren. Sie verabschiedete sich, aber Giovanni, so hieß ihr wunderbarer Tänzer wollte sie nicht gehen lassen. "Prego, Louisa, ich möchte Dich wiedersehen," sagte er leise zu ihr. Louisa verabredete sich mit ihm zögernd für den nächsten Sonntag und ging langsam nach Hause. Unterwegs kullerten ihr heiße Tränen aus den Augen und sie wusste schon mit Sicherheit, dass sie Giovanni nicht mehr wiedersehen würde. Sie wollte sich die Qual seines Erschreckens und die daraufhin höflich ausgetauschten Floskeln ersparen. Mit diesem Gedanken beschäftigt, stand Louisa vor ihrem Haus, schloss die Tür auf und ging in ihr Bad. Sie nahm die Maske von ihrem Gesicht und schaute in den Spiegel. Was sie da sah, verschlug ihr den Atem. ´Wache ich oder träume ich, vielleicht bin ich auch schon tot´, überlegte sie. Im Spiegel sah sie ihr Gesicht ohne eine Narbe und ohne eine Entstellung, makellos und wunderschön. Es ist ein Wunder, dachte sie, bevor sie vollkommen glücklich über die vollzogene Verwandlung ihres Gesichtes auf ihr Bett sank.