Die Wahrheit und die Lüge

Es war ein kleines Mädchen, das zusammen mit seinen Eltern in einem kleinen Häuschen lebte. Das Häuschen war ziemlich windschief gebaut und nichts an ihm war gerade. Nicht, dass es baufällig war oder sogar einstürzte, nein, es war eben so gebaut und stand von einigen Bäumen umgeben einfach in der Landschaft.
Amanda, so hieß das Mädchen, saß wieder einmal auf dem Steg am Teich. Sie ließ ihre Beine in das Wasser baumeln und dachte nach. Nun war Amanda ein ziemlich altmodischer Name und ab und zu wurde sie deswegen von den anderen Kindern gehänselt. Gerade dachte Amanda über ihre Schulkameraden nach: Sie war Schulanfängerin und lernte seit einigen Wochen jeden Tag in der Schule wie die einzelnen Zahlen heißen, wie man bastelte und was die einzelnen Buchstaben bedeuteten.
Plötzlich zwickte sie etwas an ihrem Fuß. Amanda schaute erschrocken in das Wasser und entdeckte ein kleines, himmelblaues Geschöpf mit zwei Knopfaugen, einer Kullernase, einen kleinen Mund und zwei Armen und zwei Beinen, mit denen es aufgeregt strampelte.
"Wer bist du? fragte Amanda neugierig."
"Ich heiße Wahrheit und bin vorhin in das Wasser gefallen. Mich schubste mein kleiner Bruder, die Lüge, in den See, weil wir uns wieder gezankt hatten. Brrr, schmeckten die Wasserflöhe hässlich, aber nun hast du mich ja gerettet!"
Amanda wurde rot. "Ich habe dich doch nicht gerettet, sondern du hast dich nur an meinen Fuß festgehalten."
Der Kleine bat Amanda, ihn aus dem Wasser zu nehmen."Ich hole mir sonst noch einen Schnupfen!", piepste er. Amanda nahm ihn aus dem Wasser und stellte ihn vorsichtig auf den Steg. Sie musste lachen, denn er machte so etwas wie Turnübungen um wieder gelenkig zu werden.
"Ich bin noch ganz steif von der Kälte im Wasser, aber nun geht es fast wieder, schnaufte er."
"Wieso heißt du Wahrheit? ", fragte sie ihn.
"Ich heiße Wahrheit, weil es mich nur einmal auf der Welt gibt! Die erwachsenen Menschen vergessen mich mit zunehmendem Alter und verdrehen mir meine Nase, Arme und Beine. Sie finden durch Rechtsanwälte Wege, um mich gefangen zu halten. Und stell dir vor, einige Armeen wollten mich sogar schon einfrieren. "Mein kleiner Bruder heißt Lüge. Es gibt ihn auch nur einmal auf der Welt und er lernt den Kindern zu schwindeln, die Eltern und die Lehrer zu belügen. Er sieht genauso aus wie ich, nur ist er nicht himmelblau sondern schwarz und hat feuerrote Augen. Deswegen kann ihm niemand in die Augen schauen. Am leichtesten hat er es bei den erwachsenen Menschen, seine Lügen loszuwerden. Erwachsene Menschen belügen sich gern selbst und sie lügen gern."
Amanda wurde wieder rot und dachte an den gestrigen Abend, als sie ihre Großmutter angeschwindelt hatte. Sie sagte ihr, sie hatte sich schon gewaschen und auch ihre Zähne geputzt, obwohl das gar nicht stimmte.
Die Wahrheit sah Amanda in ihr Gesicht. "Ich weiß, dass gestern mein kleiner Bruder, die Lüge, bei dir war. Er gab dir die Lüge ein. Du kannst dich ja heute bei deiner Großmutter entschuldigen." Amanda versprach es der Wahrheit. Hoffentlich begegne ich nicht wieder seinem Bruder, dachte sie. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, da rief das kleine himmelblaue Geschöpf mit dünner Stimme nach seinem Bruder, der Lüge.
Da kam am Ufer des Sees etwas Schwarzes angerollt, rollte auf den Steg und blieb direkt vor den Füßen von Amanda liegen.
"Alles was dir mein Bruder erzählt hat, ist eine Lüge!", rief das kleine Geschöpf wütend und voller Zorn. Seine feuerroten Augen leuchteten wie glühende Kohlen. Er macht mich nur immer schlecht, obwohl ich doch den Kindern und erwachsenen Menschen helfe, zu lügen. Sie leben doch so wunderbar mit mir und lügen jeden Tag auf`s Neue.", "Schau mal, wenn ich den Angler an dem anderen Ufer des Sees berühre, entsteht in seinem Kopf die Fantasie von einem riesengroßen Hecht. Er tat ihm leid und deswegen ließ er ihn wieder schwimmen. Die Geschichte erzählt er überall, bis er sie selbst glaubt und dabei hat er heute überhaupt keinen einzigen Fisch gefangen."
"Es ist aber eine Lüge", erboste sich sein Bruder, die Wahrheit! "Du verseuchst seit Jahrtausenden immer wieder die Köpfe der Menschen und ich versuche sie von deinen Gedanken zu befreien." "Pfffffff",....sagte die schwarze Lüge, "ich mache mir eben nichts daraus, ehrlich zu sein. Was hat dir denn schon die Wahrheit gebracht? Nichts......als lauter Ärger. Amanda petzt gern und Großmutter hatte mit ihr gesprochen und ihr gesagt, dass das eine schlechte Charaktereigenschaft ist. Was machte Amanda? Sie nahm Großmutter nicht ernst und petzte weiter. Hahaha,...sie belügt sich selbst gern!"
Amanda hörte die Auseinandersetzung zwischen den beiden. Ihr wurde schlecht und sie schämte sich plötzlich für ihre Lügen und ihre Unehrlichkeit.
"Am schönsten sind die schlimmen Lügen", freute sich die schwarze Lüge. "Haha, wenn ich Herrn Müller einrede, nach der Arbeit nicht nach Hause zu gehen sondern mit seinen Kumpels Bier zu trinken und Fußball zu schauen, ist es einfach herrlich. Das klappt dreimal in der Woche. Jedes Mal erzählt er dann seiner Frau, er hatte im Garten schwer gearbeitet. Hihihi ...wenn die wüsste, dass das gar nicht stimmt."
"Das ist doch gemein!", empörte sich Amanda. "Du bist richtig böse!"
"Bin ich nicht! Ich bin nicht böse und gemein. Wenn die anderen auf mich hören und es so machen, wie ich es ihnen einflüstere, was geht mich das an."
Amanda verstand die Welt nicht mehr. Darüber musste sie sich mit ihrer Großmutter unterhalten. Vielleicht weiß Großmutter, was richtig und was falsch ist. Vielleicht weiß auch ihre Mutti und ihr Vati, was die Wahrheit und was die Lüge ist.
"Mit mir zu leben, ist richtig, aber nicht einfach!", sagte die himmelblaue Wahrheit ernst zu Amanda. "Die meisten Menschen sehen nicht ein, dass es nur eine Wahrheit gibt und es bequemer ist, zu lügen. Sie machen dir dann das Leben schwer, weil sie weiter lügen wollen. Ich gebe dir das mit auf deinen Weg, vergiss mich nicht und denke immer an den heutigen Tag", sprach` s und verschwand mit seinem kleinen Bruder, der schwarzen Lüge.
"Amanda....Amanda....wo bist du?", Mutti rief sie. Amanda erschrak, sie war wohl leicht eingenickt. Nachdenklich lief sie nach Hause.